Haben Braunbären eine Zukunft in den Alpen?
Ian C. Meerkamp van Embden
1. Braunbären in europäischen Bergregionen
Eine ausführliche, nach einzelnen europäischen Ländern geordnete Studie zur Situation der Braunbären in Europa wurde im Rahmen des IUCN(SSC Bear Conservation Action Plan von Dr. Christopher Servheen, Grizzly Bear Recovery Coordinator des United States Fishery and Wildlife Service USFWS als Lead Author erstellt.Im Kapitel 6 dieses Reports wird die 1998 ermittelte Verteilung der Braunbär - Populationen in Europa dargestellt (siehe Abb. 1). Früher war der Bär flächendeckend über ganz Europa verbreitet. In den letzten Jahrhunderten wurde er auf einige wenige, unzugängliche Gebiete vor allem im Gebirge zurückgedrängt. Größere Populationen in Europa gibt es noch in Nord- und Osteuropa (Dinarische Gebirge, Balkan, Karpaten, Skandinavien, Finnland ) und vor allem Nordrussland WWF Österreich gibt im Rahmen des Life Project Braunbär u. a. folgende Bestandszahlen an:
Abbildung 1

Braunbärpopulation (Ursus arctos) in Europa; European Brown Bear Action Plan (Swenson J.; et al., 1998)
| Gebiete | Braunbärpopulation 1996 |
| Alpin-dinarische Gebirge | 2.000 |
| Karpaten | 4.500 |
| Kantabrien, Abruzzen | 140 |
| Skandinavien | 1.000 |
| Russland, Ukraine, Baltikum | 50.000 |
Quelle: IUCN/SSC Bear Conservation Action Plan, www.iucn.org/themes/ssc/actionplans/actionplanindex.htm
WWF-Österreich www.wwf.at
G. Rauer, B. Gutleb, Der Braunbär in Österreich; Umweltbundesamt Monographie Nr. 88, 1997
2. Braunbären in Österreich
Nach Ausrottung der letzten Braunbär - Bestände in Österreich im 19. Jahrhundert Schien das Schicksal dieser Großtierart in den österreichischen Alpen endgültig besiegelt. Tatsächlich aber wanderten immer wieder einzelne Exemplare vom Südosten aus Slowenien ein. Für die Öffentlichkeit eher überraschend kann festgestellt werden, dass der heutige Bestand an Braunbären in Österreich eine zwar kleine, aber relativ konstante Population von ca. 25 Exemplaren aufweist. Die Einzugsgebiete sind in den Bundesländern Kärnten und Steiermark, sowie in Nieder- Diese Zahl ist für eine stabile Arterhaltung zwar nicht im entferntesten ausreichend, jedoch werden Abgänge durch Auswanderung, Unfall oder (verbotenen!) Abschuss offenbar immer wieder ausgeglichen.
Dr. Georg Rauer, Bärenanwalt von WWF Österreich, fast die Situation wie folgt zusammen: "Den aktuellen Bärenbestand schätzen wir weiterhin auf eine Größenordnung von 25 Bären. Im steirisch-niederösterreichischen Grenzgebiet versuchen wir den Bestand mit Hilfe eines Genetik - Projektes genauer einzugrenzen. In dieses Gebiet wanderte 1972 der legendäre Ötscherbär ein. 1989-1993 wurden 3 Bären ausgesetzt und bis heute sind mindestens 26 Bären geboren worden. 2000 - 2002 konnten 12 verschiedene Individuen an Hand von DNA -Analysen von Haar- und Losungsproben unterschieden werden, in einem Jahr aber nur jeweils 7 - 8. Es wurde deutlich, dass vor allem 2-jährige Bären verschwinden, wir wissen aber nicht, ob durch Abwanderung oder Mortalität. Das Genetik - Projekt wird noch bis 2005 fortgesetzt."
Quelle: Georg Rauer, Bärenanwalt von WWF Österreich,
persönliche Mitteilung 22. Januar 2004-02-26
Weitere Informationen:
1997 wurde von der Wildbiologischen Gesellschaft München, dem Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft Wien und dem WWF Österreich, sowie den Landesumweltministerien Kärnten, Steiermark, Nieder- und Oberösterreich ein Braunbär - Managementplan erstell, aber bislang nur teilweise umgesetzt. Die Planung wird derzeit überarbeitet. Ein 2005 auslaufendes Life Project Braunbär wird von der Europäischen Kommission gefördert und erfolgt in Kooperation mit dem Lebensministerium in Wien sowie den zuständigen Landesregierungen. Das Projekt steht unter Leitung des WWF-Artenschutz- Experten Dr. Norbert Gerstl.
Weitere Informationen:
3. Haben Braunbären eine Zukunft in Österreich?
Eine im Auftrag von WWF in Österreich kürzlich durchgeführte Umfrage ergab, dass ca. 62 % der Bevölkerung in Österreich den Stellenwert des Bärenschutzes für sehr wichtig, weitere ca. 28 % für eher wichtig bezeichnen. Zusammen befürworten also rund 90 % der Bevölkerung in Österreich den Bärenschutz. Dennoch muss im Hinblick auf eine mögliche Zunahme der Bärenpopulation mit erheblichen Vorbehalten vor allem seitens der (Berg)-Bauern und Bienenzüchter gerechnet werden, also jenen Gruppen, die mögliche Verluste an Viehbeständen (Schafe oder Jungvieh) oder die Plünderung von Bienenstöcken befürchten.
Den umfassenden Report von Christopher Servheen zur Entwicklung und zur heutigen Situation der Braunbären in Österreich haben wir mit Einverständnis des Autors in ungekürzter englischer Originalfassung in die Website des ALPENFORUM übernommen.
Hier anklicken: www.iucn.org/themes/ssc/actionplans/actionplanindex.htm
Straßenbauprojekte in dünnbesiedelten Gebieten und eine weitere Erschließung von Ruhe- und Kernzonen gefährden eine stabile Bärenpopulation. Ob Braunbären in Österreich in Zukunft eine Heimat haben, hängt entscheidend von der Einstellung der einheimischen Bevölkerung und einer Aufrechterhaltung der Zuwanderungsmöglichkeiten aus Slowenien ab. In Österreich sind Organisationen wie die Österreichischen Jagdschutzverbände oder WWF starke Befürworter einer Bestandssicherung der Braunbären in Österreich. Das ALPENFORUM ist der Auffassung, dass der Braunbär als früher heimische Großwildart in den österreichischen Alpen eine Zukunft haben sollte. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Bevölkerung über die Lebensweise der Bären ausreichend informiert wird und sich entsprechend zu verhalten lernt. Dass dies durchaus möglich ist, zeigt das erfolgreiche Bärenschutzprogramm in den USA: Eine weitere, wichtige Voraussetzung betrifft die Notwendigkeit einer versicherungstechnisch abgesicherten Kompensationsregelung bei landwirtschaftlichen, durch Bären verursachte Schäden.
Die Frage: "Wem nützt eine Bärenpopulation?" ist in sich falsch gestellt. Vielmehr lautet die Frage: Wollen wir die Erhaltung einer reichen, von der Natur geschenkten Fauna und Flora für uns und unsere Nachkommen, oder dulden wir eine Verschleuderung unseres überlieferten Naturkapitals und dessen Aufzehrung? Gegen den Hintergrund einer solchen Fragestellung lässt sich auch die Notwendigkeit eines Bärenschutzes in unseren Bergregionen leichter beantworten.
Weitere Informationen:
Dr. Dipl.-Ing. I. C. Meerkamp van Embden