Gletscherfreie Alpen?
Konferenz  25. Mai 2001 in Murau
Zusammenfassung der Diskussionsergebnisse

Dass die Brisanz der Thematik zunehmend auch im politischen Raum erkannt wird, bewies im Rahmen dieser Veranstaltung die Präsenz nicht nur des Präsidenten des Steiermärkischen Landtages Reinhold Purr, sondern auch mehrerer Abgeordneter und einer Reihe von Vertretern des Stadtrates. Landtagspräsident Purr unterstrich in seinem Grußwort mit großer Klarheit die eindeutige Position der Steiermärkischen Landespolitiker, Maßnahmen einer zukunftsorientierten Klimapolitik mit aller Kraft zu unterstützen.

Interessante Überlegungen und Fakten zur Thematik vermittelten die Beiträge der Referenten, Frau Univ.-Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb, Direktorin des Instituts für Meteorologie und Physik der Universität Wien, und Univ.-Prof. Dr. Michael Kuhn, Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck.

Berücksichtigt man die Entfernung der kleinen Bezirksstadt Murau von größeren Universitätszentren, war die Wissenschaft bei dieser Konferenz gut vertreten, darunter von Repräsentanten der Universität Stuttgart, dem Umweltbundesamt in Berlin, dem Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz, der Montanuniversität Leoben und der Universität für Bodenkultur in Wien. Auch die Forstwirtschaft hatte ranghohe Fachleute delegiert, darunter von der Fürst Schwarzenberg´schen Forstverwaltung und dem Mayr-Melnhof´schen Forstbetrieb Frohnleiten.

Inn den Beiträgen wurde auf auf die bekannte Temperaturänderung. verwiesen, die im letzten Jahrhundert im globalen Mittel um etwa 0,6°C gestiegen ist, wobei der Anstieg der rascheste der letzten 1000 Jahre ist, und die erreichten Temperaturen die höchsten in diesem Zeitraum sind. In Europa stieg die Temperatur im selben Zeitraum um etwa 0,8°C, in Österreich aber um 1,8°C, wobei alle Höhenlagen betroffen sind. In der West- und Nordostschweiz wurden bis zu 40 % Niederschlagszunahme in Winter analysiert. Im südalpinen Raum ist dagegen eher ein Rückgang der Niederschlagsmengen festzustellen. Die meisten Gletscher weisen den seit Jahren beobachteten starken Rückgang auf. Die Untergrenze des Permafrostbereiches ist in den letzten 100 Jahren in der Schweiz um ca. 150 bis 250 m gestiegen. Die Temperaturzunahme ist dabei bis in 80 m Tiefe erkennbar. Skilifte oder Lawinenverbauungen, die in diesen Böden verankert sind, verlieren an Stabilität. Es wird geschätzt, dass im Hochwasserjahr 1987 in den gesamten Alpen etwa 50 % aller Gerinnenmurengänge von ehemaligen Permafrost- oder Gletschergebieten ausgegangen sind.

Aufgrund der Erwärmung der Troposphäre kann diese mehr Wasserdampf aufnehmen, und zwar rund 6 % mehr pro Grad Celcius. Damit wird nicht nur der Wasserkreislauf angeheizt, sondern es steigt auch das Risiko heftiger Niederschläge, deren Intensität auch bei kurzfristigen Intervallen die Gefahr von Muren, Lawinenabgängen und Hochwasserschäden erhöht. Die alpinen Umwelt kann durch diese Klimaänderungen besonders stark unter Druck geraten Die Frage etwa, ob der Niederschlag als Schnee oder als Regen anfällt, und wie sich hierbei die Schneefallgrenze nach oben verschiebt, spielt sowohl unter ökologischen als auch ökonomischen Gesichtpunkten (Wintersport!) eine zunehmende Rolle. Die Ermittlung von Scenarien für den alpinen Raum ist wegen der ausgeprägten Topographie besonders schwierig. Für das Corvatsch-Furtschallas Gebiet in der Schweiz wurde berechnet, dass in etwa 100 Jahren bei 3° Erwärmung 70% des Permafrostgebietes aufgetaut sein wird, und die Gletscher völlig verschwunden sein werden. Die Gleichgewichtslinie der Gletscher wird um 150 bis 350 m ansteigen und die Permafrostgrenze um 200 bis 750 m. Wirtschaftlich von besonderer Bedeutung für Österreich ist der Rückgang der Andauer der Schneedecke: bis in etwa 1500 m Höhe muß man bei Temperaturzunahmen um 1-2°C mit einem Rückkgang um 20 bis 40 Tage rechnen.

Der sich aus diesen und anderen Überlegungen ergebende Handlungsbedarf ist erheblich. Aus der Fülle notwendiger Maßnahmen, die sich aus den Referaten und der anschließenden Diskussion ergaben, seien einige Schwerpunkte genannt:

  1. Hydrologische Untersuchungen und Modellrechnungen im Hinblick auf einen massiv veränderten Wasserhaushalt in den Alpen.
  2. Verstärkte Untersuchung der Veränderungen des Permafrosts und einer Destabilisierung der Bodenstruktur. Hier besteht ein erhebliches Wissensdefizit vor allem in Österreich.
  3. Überwachung (Monitoring) insektenbedingter Infektionserkrankungen und anderer möglicherweise klimarelevanter Gesundheitsschäden in Bergregionen. Diese gesundheitspolitisch wichtige Forderung ergibt sich aus der in den letzten Jahren beobachteten Zunahme bestimmter Infektionserkrankungen wie die gefürchtete Lyme-Borreliose und die Fühsommer-Menningoenzephalitis.
  4. Ausarbeitung und Umsetzung sinnvoller Angebote für eine zeitlich und inhaltlich besser strukturierte, nachhaltig orientierte Tourismusstrategie und Verkehrpolitik unter Vermeidung einseitig bevorzugter Wintersportkonzepte vor allem in tieferliegenden Berggebieten.
  5. Eine sinnvollere Energiepolitik. Hier wurde übereinstimmend festgestellt. dass vor allem Österreich aufgrundseines bereits hohen und weiter steigenden Anteils von Biomasse-Energieanlagen, Wasserkraft und Solar-Anlagen eine Pionierrolle einnimmt.