Pressedienst / Press release ALPENFORUM
28.Juli 2006

"Klimawandel - Sind wir machtlos?"

 

Während über ganz Europa eine unvermindert brütende Hitze lastete, hatte sich im Wappensaal des Hotel Lercher eine ungewöhnlich hohe Zahl von Besuchern, eingefunden, darunter auch viele jüngere Teilnehmer. Das ALPENFORUM hatte zum Thema "Klimawandel - sind wir machtlos?" eingeladen. An der Aktualität dieser Thematik ließen weder der neue Obmann von ALPENFORUM Österreich,
Mag. Dr. Emil Hocevar
in seiner Begrüßung, noch der Bürgermeister von Murau, Herr Herbert Bacher, in dessen Grußwort den geringsten Zweifel.
Bgm. Bacher verwies auf die enorme Bedeutung des Klimawandels für die Alpen und die wachsende Zahl von sturmbedingten Katastrophen in Form von Muren, Windbruch, Steinlawinen, Hochwasser und Überschwemmungen. Er erinnerte aber auch an die aktiven und frühzeitigen Bemühungen des Klimabündnisses im Bezirk Murau.


Bergrutsch Eiger, 2005

Dr. Dipl.-Ing Ian C. Meerkamp van Embden, Präsident von ALPENFORUM International, ging als erster Referent des Abends auf globale Aspekte des Klimawandels ein. Er erinnerte daran, dass der global rasant steigende Temperaturanstieg außer von natürlichen Ursachen (u. a. geophysikalische Faktoren, Vulkanismus oder Sonnenstrahlung) vor allem vom Menschen selbst zu verantworten ist. Zu solchen anthropogenen Ursachen zählen bekanntlich die Emission von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Stickoxide. Methangas, aber auch das Zusammenwirken von weltweiter Bevölkerungsexplosion, globaler Verstädterung und einer problematischen Land-, Forst- und Wasserwirtschaft.

Zu den gravierenden Folgen dieser Entwicklung zählt die Feststellung, dass in den letzten Jahren der Eisverlust in der Arktis bereits der Größe von Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz zusammen entspricht und der Meeresspiegel derzeit jährlich um 3cm ansteigt. Dort, wo man es bis vor wenigen Jahren noch gar nicht erwartet hätte, nämlich im antarktischen Schelf am Südpol, sei der Abbruch und das Abschmelzen gewaltiger Eismengen heute eine Tatsache, wie Meerkamp van Embden an Hand von Satellitenaufnahmen eindrucksvoll belegte. Als eine der Folgen der Meereserwärmung wandern viele Fischarten wie Kabeljau oder Schellfisch nach Norden ab, während umgekehrt etwa im Mittelmeer Vertreter der Fauna und Flora einwandern, die dort noch nie gelebt haben, wie giftige Riesenalgen, Blauband-Papageienfische aus der Karibik oder sogar Haie aus dem Indischen Ozean. Gleichzeitig wird derzeit ein zunehmende und ökologisch höchst problematische Versauerung des Meerwasser registriert, da rund 40 % des aus Verbrennungsprozessen in die Atmosphäre entweichenden Kohlendioxids von den Ozeanen absorbiert wird.

Der Referent verwies auch darauf, dass die rasant ansteigende Eisschmelze und das Auftauen der Permafrost- Zonen inzwischen ein weltweites Phänomen darstellt. So wird der Kilimandscharo, höchster Gipfel Afrikas, in weniger als 5 Jahren seine Eiskappe vollständig verloren haben. Prognosen amerikanischer Klimaforscher gehen davon aus, dass selbst der Himalaya bis Ende dieses Jahrhunderts bis zu 80 % seiner gesamten Eismasse verlieren könnte.
Auffallend, so Meerkamp van Embden, sei bei einer weltweit kontinuierlichen Steigerung klimarelevanten Katastrophen insbesondere der hohe Anteil an Sturmschäden. Fünf von sechs Naturkatastrophen gehen auf extreme Wetterereignisse zurück, und zwischen 1975 bis 2000 wurden in Europa nicht weniger als 238 Überschwemmungen registriert., ein Mehrfaches früherer Werte.
Meerkamp van Embden empfahl im Hinblick auf eine wachsende Hochwasser- und Überschwemmungsgefahr nicht nur für die Gebirgszonen den verstärkten Ausbau von Rückhalte- Zonen und Staubecken statt Flussbegradigungen und eine konsequentere Kartierung und Berücksichtigung klimarelevanter Risikozonen bei Bauvorhaben aller Art. Der Präsident des ALPENFORUM forderte insbesondere für eine sinnvollere Energie- und Verkehrspolitik, namentlich eine konsequentere Verlagerung des Warentransports von der Strasse auf die Schiene, und im Hausbau eine Forcierung der extrem energiesparsamen Passivhaus-Bautechnik. Österreich habe, so Meerkamp van Embden, hier bereits eine führende Pionierposition erreicht.

Die Hauptreferentin des Abends, die über Österreich hinaus bekannte Klimatologin
Frau Prof. Dr. Helga Kromp - Kolb
vom Institut für Klimaforschung und Geophysik der Universität für Bodenkultur in Wien, hatte die Aufgaben übernommen, speziell die Situation im alpinen Bereich zu erläutern. An den Anfang ihrer Ausführungen stellte sie die Feststellung, dass der globale Durchschnittswert der Temperaturerhöhung von derzeit 0,6 bis 0,8 ° C im Alpenraum bereits den doppelten bis dreifachen Wert erreicht habe. Als Hauptanliegen unterstrich sie die Notwendigkeit, die Emission der Treibhausgase - allen voran Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Energieträger - sehr viel konsequenter als bislang zu reduzieren. Im Hinblick auf die Vorgaben des Kyoto - Protokolls würden hier fast alle Länder - darunter auch Österreich - , beträchtliche Defizite aufweisen.
Nachdrücklich verneinte Frau Kromp-Kolb den Sinn eines Einsatzes oder gar den Ausbau der Kernenergie als Strategie zur Verminderung des CO2-Ausstosses. Positiv sei der steigende Anteil an regenerierbarer Energie zu werten, in Österreich immerhin 23 % des Anteils am Primärenergieverbrauch.
Unter dem Gesichtpunkt des alpinen Tourismus muss, so die Referentin, mit einer Abnahme der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Wintertourismus gerechnet werden, zumal unter dem veränderten Klimaeinfluss die Schneesicherheit in tieferen Gebirgslagen weiterhin abnehmen würde. Frau Kromp-Kolb warb in diesem Kontext für eine innovativere Touristik - Konzeption unter Nutzung des ganzjährigen Saisonpotentials. Die Alpengletscher werden in den nächsten Jahren weiterhin massive Eisverluste verzeichnen. Derzeitige Versuche, etwa durch Folienabdeckung den Eisverlust zu vermindern, bezeichnete die Referentin als wenig hilfreiche "Kosmetik".

In der sich anschließenden, lebhaften Diskussion kam eine Fülle von Einzelfragen zur Sprache. So wurde etwa von einer Teilnehmerin die Frage aufgeworfen, ob denn der Beitrag der einzelnen Haushalte zum Energieverbrauch und damit zum Klimawandel nicht weitgehend "irrelevant" sei. Beide Referenten widersprachen dieser Vermutung nachdrücklich und verwiesen darauf, dass beispielsweise der Stromverbrauch privater Haushalte rund ein Drittel des kumulierten Gesamtstromverbrauchs aller Abnahmebereiche ausmacht. Verwiesen wurde auf die konkreten Möglichkeiten, durch den Einsatz energiesparsamerer Geräte im Haushalt, durch Verminderung des "stand-by" Energieverbrauchs und durch verbesserte Wärmedämmung erhebliche Einspar-Effekte ohne Verminderung der "Lebensqualität" zu erzielen. Angesprochen wurden auch gesundheitliche Konsequenzen des Klimawandels, wie etwa eine in Europa in den Hitzemonaten rasch ansteigende gesundheitliche Gefährdung vor allem von Kindern und älteren Menschen, oder der generell beobachtete Anstieg bestimmter Erkrankungen wie etwa die FSME (Frühsommer-Meningo-Enzephalitis), eine durch Zeckenbiss verursachte Infektion.. Meerkamp van Embden verwies darauf, dass ein solcher Anstieg auf den Bruterfolg der Zecken bei höherer Temperatur zurückzuführen sei, dass dieser Anstieg aber erfolgreich durch geeignete Impfprophylaxe vermieden werden kann, wie gerade das Beispiel Österreich in den letzten Jahren bewiesen hat.
In ihrer zusammenfassenden Bewertung vertraten beide Referenten den Standpunkt, dass der Klimawandel außerordentlich schwerwiegende Probleme aufwerfe, dies aber nicht bedeute, dass man diesen Entwicklungen machtlos gegenüberstehe. Eine Verhaltensänderung müsse jedoch in erster Linie von jedem Einzelnen selbst ausgehen. Von der Politik seien durchgreifende Maßnahmen dagegen kaum zu erwarten.

In seinem Schlusswort dankte Bürgermeister Bacher den Referenten für diese außerordentlich interessante Veranstaltung und verband dies mit der Hoffnung, dass Murau in absehbarer Zukunft wieder als Gastort solcher Initiativen des ALPENFORUMS ausgewählt wird.

 

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