Im Januar 2001
Ian C. Meerkamp van Embden

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DER KOMMENTAR

Konsequenzen einer Klimaänderung zum Nulltarif?

Der bis Ende Januar 2001 noch amtierende US- Präsident Bill Clinton hat kürzlich in einer über das Internet ausgestrahlten Erklärung eindringlich auf das Ergebnis amerikanischer Studien zur globalen Klimaentwicklung hingewiesen. Demzufolge erwarten die Wissenschaftler bei steigenden Emissionen von Treibhausgasen in den nächsten 100 Jahren einen weltweiten Temperaturanstieg von 5 bis 9 °C.

Immer schon gab es seit der letzten Eiszeit vor 15 000 Jahren Temperaturschwankungen, aber wohl noch nie in dieser Grössenordnung. Die derzeit am Pol beobachteten Schmelzwassermengen übertreffen nach Auffassung der Klimaforscher die berechneten Maximalwerte während der letzten 50 Millionen Jahre.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung werden auch im Alpenraum ebenso wie in anderen Bergregionen immer erkennbarer. Deutlichstes Signal hierfür ist der Rückgang der alpinen Gletschermasse. Von 76 Alpengletschern haben in den letzten 150 Jahren bereits 68 um ca.  30% abgenommen, und der Rückgang schreitet weiter rapide voran.
Bereits Anfang der 90er Jahre stellte der österreichische Geograph Prof. Heinz Slupetzki von der Universität Salzburg fest: "Die Abschmelzung in den Nährgebieten der Alpengletscher hat ein Ausmass erreicht, wie es in der Postglazialzeit nur selten der Fall war. Es verdichten sich mehr und mehr die Hinweise, dass die jüngste Klimaänderung nicht mehr "natürlich" ist, sondern durch anthropogene Einflüsse überlagert wird".

Parallel zur Temperaturerhöhung verzeichnen die Meteorologen in Westeuropa steigende Niederschlagsmengen, die in den Alpen während der Wintermonate verstärkt als Regen statt Schnee niedergehen. Als Folge steigt die Permafrost-Grenze im Gebirge, und der rasche Abluss der Niederschlagsmengen erhöht das Risiko der Bergrutsche und Murenabgänge ebenso wie die Hochwassergefahr in den Tälern.
Die katastrophalen Überschwemmungen der letzten Jahre vor allem in Italien, in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland setzen unmissverständliche Zeichen, deren fortgesetzte Missachtung gegenüber Mensch und Natur unverantwortlich ist.

Dessen unbeschadet wird weiterhin Bergwald abgeholzt, um immer mehr Raum für den Wintersporttourismus zu schaffen, werden immer neue Pisten angelegt, werden dörfliche Baugebiete ständig erweitert, werden immer mehr Zweitwohnungen errichtet, werden immer mehr Berg- und Seilbahnen gebaut.

Kritische Anmerkungen zu solchen Entwicklungen sind keineswegs Ausdruck einer latenten Wirtschaftsfeindlichkeit. Sie stellen vielmehr das Ergebnis einer nüchternen Abwägung des mit solchen Eingriffen verbundenen Nutzens und Risikos dar.

Die steigende Schneefalllinie beeinträchtigt zusehends die ohnehin schon schwierige Wirtschaftslage der betroffenen Gemeinden in Höhenlagen unter 1500 m-
Prof, Thomas Bieger von der Universität St. Gallen kommt in einer von ihm kürzlich durchgeführten Studie zum Ergebnis, dass 70 % aller Schweizer Skigebiete nicht rentabel arbeiten. Als einer der Gründe hierfür wird die steigende Schneefallgrenze genannt.


Allzu häufig entsteht der Eindruck, dass politische Entscheidungsträger sich einer Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung höchst ungern stellen und eine ernsthafte Diskussion über erforderliche Konsequenzen scheuen.

Welche Auswirkungen hat eine Klimaänderung auf den alpinen Tourismus, auf die Land- und Forstwirtschaft, auf den Wasserhaushalt und die Bodenstruktur?
Was bedeutet die Temperaturerhöhung im Hinblick auf die Lawinengefahr, auf Erdrutsche, Felsstürze, Muren und Überschwemmungen?
Was ist davon zu halten, dass immer noch viel zu häufig bei Investitionsentscheidungen der fachliche Rat qualifizierter Raumplaner und Ökologen negiert wird und professionell solide Feasibility- Studien, integrierte Wirtschaftlichkeitsrechnungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen nur lückenhaft erstellt werden oder gar gänzlich unterbleiben?
Welchen wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert kommt der betroffenen Tal-Bevölkerung wirklich zu gute, wenn teure Infrastrukturmassnahmen zur Verlagerung des Wintersports in bislang noch weitgehend unerschlossene Hochgebirgsregionen getätigt werden, obwohl bereits jetzt hohe Investitionsschulden auf die betroffenen Gemeinden drücken?

Erfreuliche Ausnahmen mögen die Regel bestätigen: Die Effizienz des Katastrophenmanagements hat sich in den Bergregionen erkennbar erhöht, neue und leistungsfähige Lawinenwarndienste sind eingerichtet worden, die Zurückhaltung politischer Instanzen gegenüber einer noch weitergehenden "Erschliessung" der Alpen beginnt zu wachsen, Alpenländer wie die Schweiz und Österreich sind beim Einsatz regenerierbarer Energiequellen weltweit führend.

Dennoch: Die Forderung, Fragen der Klimaentwicklung und deren Folgen in den Mittelpunkt einer konsequenten und vorausschauenden Politik zu stellen und nachhaltig wirksame Strategien zu entwickeln, bleibt notwendiger und aktueller denn je. Eine solche Politik gibt es nicht zum Nulltrarif!

Das ALPENFORUM wird diese Thematik mit Spitzenfachleuten im Rahmen einer öffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung am 25. Mai 2001 in Murau (Steiermark) behandeln (siehe hierzu Programmvorausschau für 2001) und die Ergebnisse sowohl im Internet als auch in der Schriftenreihe ALPENFORUM Nr 4 veröffentlichen.