LEBEN IN DEN ALPEN Kurzfassung der Strukturproblematik Die enormen sozioökonomischen Strukturveränderungen der letzten Jahrzehnte im Alpenraum haben zu mehr Wohlstand und einem deutlich höheren Lebensstandard der Bevölkerung, aber auch zum Verlust einstmals gesicherter, wenn auch bescheidener Lebensgrundlagen geführt. Der Tourist will den Zentren unserer Industriegesellschaft entfliehen und träumt von einer scheinbar heilen Alpenwelt. Aber dieser Schein trügt. Der fortschreitenden Urbanisierung in standortgünstigen Tallagen steht vielfach ein Bevölkerungsschwund in strukturschwachen Gemeinden und der Auswanderung vor allem junger Menschen gegenüber. Dem schier unaufhaltsamen Niedergang der Berglandwirtschaft und vieler Unternehmen in den ehemaligen Industriezentren der Alpen folgte in den letzten 20 Jahren ein immer höherer Verlust an Einzelhandelsgeschäften, Mittelstands- und Handwerksbetrieben, sowie schliesslich auch öffentlicher Dienstleistungen in strukturschwachen Gemeinden. Die damit verbundene volkswirtschaftliche Demontage, vor allem aber Verlust kultureller und sozialer Identität ist nicht zu leugnen. Dies gilt in den Süd- und Westalpen vielleicht noch stärker als in den Zentral- und Ostalpen. Doch auch hier mehren sich die Fragezeichen, denn die Tourismusbranche selbst unterliegt insbesondere in den grossen Wintersportzentren einem immer gnadenloseren Konkurenzkampf um die Gunst der Gäste, und dies fast immer auf Kosten des begrenzt verfügbaren Naturkapitals. Die massive Interventionspolitik zum Bau subventionierter Wintersportzentren aus der Retorte hat sich gerade in den Westalpen nachweislich nicht zum Vorteil der dortigen Gemeinden entwickelt. Verdient haben an solchen Projekten in erster Linie die externen Promotoren. Die Personenverkehr, vor allem aber der massive Gütertransport auf den Strassen der alpinen Nord- Süd- und Ost- West- Verkehrsachsen hat explosionsartig zugenommen und wächst ungebrochen weiter. Der regionale Nahverkehr wird überlagert von der steigende Zahl von Pendlern, die oft weite Anfahrten zu ihren meist städtischen Arbeitsplätzen in Kauf nehmen müssen. Diese Entwicklungen haben das Leben unserer sozialen Gemeinschaft erkennbar geprägt und dies, so ist zu befürchten, keineswegs immer zum Vorteil. Die heutige Gesellschaft mag moderner und aufgeschlossener erscheinen, aber sie ist auch hektischer und unpersönlicher geworden, eben mehr Gesellschaft und weniger Gemeinschaft. Damit haben sich unsere Wertvorstellungen tiefgreifend gewandelt. Trotz wachsenden Wohlstandes ist der Gemeinsinn, die Bereitschaft, unentgeltlich etwas für andere zu tun, wohl kaum gewachsen, eher umgekehrt. Ob wir dabei glücklicher geworden sind, bleibe dahingestellt. Die heutige Vortragsveranstaltung will diese Entwicklung auf ökonomischer, ökologischer und vor allem sozialer Ebene gezielt ansprechen. Was wir ganz sicher nicht wollen, ist die angeblich gute alte Zeit zu beschwören, die für die Bergbewohner in Wirklichkeit eine kaum vorstellbar harte Zeit war. Vieles ist leichter und angenehmer geworden, ohne Frage. Aber, und auch das muss man sehr klar sehen: Manche Entwicklung gerät zunehmend in eine bedenkliche Schieflage. Wir im ALPENFORUM sind in hohem Masse aufgeschlossen gegenüber innovativen, zukunftsorientierten Entwicklungen. Die Alpen wie ein Museum schützen, macht in unserer Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung im Alpenraum keinen Sinn. Schützen heisst auch nutzen. Dieser Nutzen sollte ökonomisch sinnvoll, ökologisch verantwortungsbewusst und sozial verträglich erfolgen. Wir wollen gemeinsame Wege diskutieren, wie positive Entwicklungstendenzen unterstützt und sozial unverträgliche Trends korrigiert, ja vielleicht sogar vermieden werden könnten. |