ALPENFORUM fordert innovative Marktnischen-Strategie
Tagung des ALPENFORUMS
Chancen und Risiken des Mittelstandes in den Alpenländern
09. September 1995 in Murau
Zusammenfassung der Diskussionsergebnisse
In dieser Tagung setzte sich das ALPENFORUM mit der Struktur des Mittelstandes im Alpenraum auseinander und erörterte Überlegungen im Hinblick auf eine nachhaltige, zukunftsverträgliche Entwicklung dieses wichtigen Wirtschaftsbereiches.
Einigkeit bestand unter den Referenten und Podiumsteilnehmern, dass es gilt, die natürlichen Standortvorteile der Alpen zu nutzen und im Interesse aller Beteiligten zu erhalten. Zu solchen Standortvorteilen zählen:
u eine hohe Freizeit- und Umweltqualität
u geringe industrielle Altlasten
u eine ausgebaute Verkehrsinfrastruktur
u qualifizierte Arbeitnehmer
u eine bei konservativer Grundeinstellung aufgeschlossene Bevölkerung.
Diese positive Einschätzung setzt allerdings voraus, dass die kulturelle Identität und alpenländische Tradition gewahrt und die wirtschaftliche Prosperität nicht auf Kosten der natürlichen Ressourcen geht. Es darf nicht so weit kommen, dass sich die einheimischen Alpenbewohner als Fremdkörper im eigenen Land fühlen.
Auf die z.T. extrem unterschiedliche demographische und wirtschaftspolitische Entwicklung im Alpenraum wies in diesem Zusammenhang der Geograph Manfred Perlik von der Universität Bern hin, der über Ergebnisse entsprechender Untersuchungen in der Schweiz berichtete.
Die Diskussionsteilnehmer betonten durchgängig die Notwendigkeit, dass ausserhalb des Wirtschaftszweiges Tourismus auch andere Wirtschaftsbereiche, namentlich Dienstleistung, Handwerk, mittelständische Industrie und Bildungssektor, ein z.T. noch ungenutztes mittelständisches Entwicklungspotential aufweisen.
Der Präsident des ALPENFORUMS, Dipl.-Ing. Dr. Ian Meerkamp van Embden, nannte als Beispiele für solche Entwicklungsmöglichkeiten den Informatik- und Computerbereich, die Telekommunikation, die Raum- und Siedlungsplanung, ökologisch saubere Fertigungsbereiche u.a. im Freizeitmarkt, die Video-, Film-, Licht- und Vertonungstechnik oder den Forschungs- und Bildungssektor, so etwa in der Alpenstrukturforschung.
Anhand weiterer, erfolgreicher Wirtschaftsprojekte - u. a. Fertigholzhäuser, naturnahe Kosmetikprodukte, Getränkesektor - unterstrich der Vertreter des Mittelstandes, Anton
Becker, Chef der SIXTUS Werke im oberbayerischen Schliersee, die Notwendigkeit, Marktlücken für die mittelständische Wirtschaft im Alpenraum zu erkennen und zu nutzen.
Der stellvertretende Generalsekretär der Bundeswirtschaftskammer in Wien, Dr. Johannes Farnleitner, unterstrich die Bedeutung innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen in der Wirtschaftspolitik und die Notwendigkeit einer regionalspezifischen Strukturpolitik auf nationaler und EU- Ebene.
Auf der Grundlage der Erhaltung lokaler Kaufkraft warb er für die möglichst baldige Einführung der Europäischen Währungsunion und flankierend hierzu die Sicherung bzw. Wiedereinführung staatlicher Dienstleistungen auch in strukturschwachen Regionen, insbesondere im Bereich des Postdienstes sowie der lokalen Bahn- und Busverbindungen.
Seitens der Vertreterin der Europäischen Kommission in Brüssel, Brigitte Renner-Loquenz, wurde die verbesserte Anpassung an regionale Gegebenheiten als eine der Schwerpunkte einer zukünftigen Regionalförderung im Rahmen der EU hervorgehoben.
Die für die neuen EU-Mitgliedstaaten zuständige Expertin des Ressorts Strukturpolitik vertrat die Auffassung, dass der EU- Beitritt eindeutig ein Gewinn für Österreich und andere Alpenländer und damit eine echte Chance für die Mittelstands- Entwicklung darstelle.
Breiten Raum nahm die Diskussion über die Bedeutung der Verkehrspolitik für den Mittelstand sowie der problematischen Entwicklung der Land- und Forstwirtschaft in den Berggebieten ein.
Dr. Dieter Engelhardt, Leiter der Bereiche Politik, Recht und internationale Beziehungen im Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen betonte in diesem Zusammenhang die notwendige Verbesserung der grenzüberschreitenden Kooperation sowie die Förderung von Einzelprojekten zur Sicherung der Erwerbsmöglichkeiten der einheimischen Bergbevölkerung. Eine Ratifizierung des Verkehrsprotokolls der Alpenkonvention auf der Grundlage eines vertretbaren Kompromisses der Signatarstaaten bezeichnete er als überfällig.
Mehrfach angesprochen wurde das Konzept einer verstärkten Selbstvermarktung von Agrarprodukten der Bergbauern und der Notwendigkeit einer Kooperation zwischen Landwirten und Beherbergungsbetrieben, wie sie bereits in einer Reihe von Fällen in der Schweiz, in Bayern und auch schon in Österreich erfolgreich verwirklicht worden ist.
Der frühere Planungschef des Nationalparks Berchtesgaden, Forstdirektor a.D. Dr. Georg Meister, verdeutlichte abschliessend mit eindrucksvollen Farbdias, dass eine gesunde Entwicklung der Wirtschaft und der sozialen Stabilität im Alpenraum ohne ausreichende Berücksichtigung ökologischer Erfordernisse nicht zu verwirklichen ist.
Wichtigstes Ergebnis der Diskussion war die Erkenntnis, dass eine gezielte Entwicklung und Umsetzung innovativer Martktnischenstrategien für den Mittelstand im Alpenraum unabdingbar notwendig ist und höchste Priorität verdient.