LEBEN IN DEN ALPEN
Chancen einer sozialverträglichen Zukunft

ALPENFORUM
in Zusammenarbeit mit
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Universität Graz



15 THESEN ZUR SOZIALVERTRÄGLICHEN
ENTWICKLUNG IM ALPENRAUM

Ian C. Meerkamp van Embden

  • 1. Eine sozial- und umweltverträgliche Raumplanung hat hohe Priorität. Nur eine verantwortungsbewusste Raumordnung kann einer weiteren Zersiedelung und dem inflationären Trend zum Zweitwohnungsbau im Alpenraum Einhalt gebieten. Planungsvorhaben sollten von den verantwortlichen Stellen im Konsens mit der betroffenen Bevölkerung erarbeitet und umgesetzt werden.
  • 2. Ein anhaltender Bevölkerungsrückgang in strukturschwachen Regionen gefährdet das Sozialklima der verbleibenden Anwohner. Vor allem junge Menschen wandern aus, und viele suchen sich in den inneralpinen städtischen Ballungsgebieten eine Arbeitsmöglichkeit. Damit wird gleichzeitig die ohnehin bestehende inneralpine Verstädterungstendenz weiter erhöht. Diese Entwicklung zu immer grösseren urbanen Ballungsgebieten gefährdet die Umwelt und zehrt vom vorhandenen Landschafts- und Naturkapital. Um diesem Trend entgegenzuwirken, ist in strukturschwachen Gemeinden in erster Linie eine Strukturhilfe zur Selbsthilfe nötig.
  • 3.  Es muss sichergestellt werden, dass das öffentliche Infrastruktur- und Dienstleistungsangebot (Verkehrsanschluss, Post und Bank, Postbus, Gemeindeverwaltung, Gendarmerie), auch in strukturschwachen Gemeinden aufrechterhalten bleibt. In strukturgefährdeten Ortschaften ohne Einzelhandelsgeschäfte kann das Modell des multifunktionalen Dorfladens eine sozialverträgliche Option für die ansässige Bevölkerung darstellen.
  • 4. Massentouristische Megaevents und extrem aufwendige Erlebniszentren erfordern einen sehr hohen Kapitalaufwand, der in der Regel nicht von der einheimischen Bevölkerung, sondern von externen Promoteren aufgebracht wird, die dann auch den ökonomischen Nutzen davon haben. Die Erfahrung zeigt, dass solche Vorhaben für die betroffene Bevölkerung selbst mittel- bis längerfristig keine sozioökonomische Entlastung, wohl aber zusätzliche Belastungen in der Sozialstruktur zur Folge hat. Damit gefährden solche Megaprojekte die Chance auf eine sozialverträgliche Entwicklung und erscheinen in der Regel auch unter ökologischen Gesichtspunkten fragwürdig.
  • 5. Ein einseitiger, kostspieliger Ausbau der regionalen Infrastruktur zu Gunsten des Wintersportbetriebes erfordert in Orten mittlerer Höhenlage (bis ca. 1.500 m ü. M) bei tendenziell stagnierendem Tourismus und häufigem Schneemangel einen immer höheren Betriebsaufwand. Die Beschneiung der Abfahrtsstrecken in schneearmen Wintern verbraucht ausserdem erhebliche Wasser- und Energiemengen. Immer höhere Kosten fallen an, um den touristischen Bedarf für eine gleiche oder sinkende Anzahl von Gästen in tendenziell immer kürzeren Saisonzeiten zu decken. Ein solcher Ausbau der Infrastruktur wirkt deshalb sozioökonomisch kontraproduktiv. Auch zusätzliche, extrem aufwendige Infrastrukturmassnahmen zur Ankurbelung des Wintersports in höheren und höchsten Alpinlagen stellen langfristig keine wirtschaftlich vertretbares Alternativkonzept dar. Die erforderlichen Investitionskosten summieren sich mit dem für den Modernisierungsbedarf der Infrastruktur in mittleren Höhenlagen erforderlichen Finanzaufwand. Ausserdem führen solche Grossvorhaben zu weiteren Verlusten des ohnehin nur begrenzt verfügbare Naturkapitals.
  • 6. Die konventionellen Mittel der Subventionierung haben den fortschreitenden Niedergang der Berglandwirtschaft nicht aufhalten können, und die Subventionen sind auch nicht ausreichend leistungsbezogen orientiert. Es ist notwendig, die zukünftigen Chancen der Landwirtschaft verstärkt im Bereich multifunktionaler Dienstleistungen zu sehen: In dieses Konzept gehören alle Leistungen im Sinne eines gesamtbetrieblich ökologischen Landbaus, die Pflege der Kulturlandschaft für die Gemeinschaft, sowie Aufgaben des Umwelt- und Naturschutzes im Rahmen eines regionalen, landschaftsökologischen Leitbildes. Hierzu gehört schliesslich auch eine intensivere Zusammenarbeit von Tourismus und Landwirtschaft und damit die Förderung eines naturverbundenen Touristikkonzeptes.
  • 7.  Die leistungsbezogenen Förderungskriterien in der Berglandwirtschaft sollten konsequenter angewandt und sinnvoll präzisiert werden. Sie bedürfen ausserdem auch einer gewissen Standardisierung innerhalb des Alpenraumes. Hierfür gibt es praxisbezogene Modelle, die beispielsweise von der europäischen Akademie Bozen ausgewertet worden sind. Auf dieser Grundlage sind die Fördermittel durch die Sozialgemeinschaft zu entgelten. Da der Fremdenverkehr von der Landschaftserhaltung am meisten profitiert, sollte die Tourismusbranche für die Bezahlung der Direktförderungsmittel mit herangezogen werden.
  • 8. Eine generelle, intensive Wiederaufforstung der landwirtschaftlich nicht mehr genutzten Flächen bis in die Tallagen vermindert den Artenreichtum gegliederter Berglandschaften. Der Verzicht auf eine gegliederte Berglandschaft kann ausserdem die touristische Akzeptanz der betreffenden Region sehr stark belasten. Vorhaben solcher Art sind deshalb kein sinnvoller Beitrag zur Lösung berglandwirtschaftlicher Probleme. Diese Überlegungen gelten selbstverständlich nicht für erdrutsch- oder lawinengefährdete Hanglagen, wo Schutz- und Bannwälder oberste Priorität haben.

 

  • 9. Im Hinblick auf die massiven Engpässe im alpenquerenden Transitverkehr auf der Strasse und die zusätzlich damit verbundene Lärm- und Schadstoffbelastung für die betroffenen Alpenbewohner sind alle ernsthaften Bemühungen einer Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene einschliesslich entsprechender Huckepackkonzepte zu fördern. Der Bau weiterer, alpenquerender Strassenvorhaben ist kein sozialverträgliches Konzept und hat auch verkehrstechnisch keine Zukunft. Anerkennung verdient aus diesen Gründen die Zustimmung des schweizerischen Souveräns zu den Tunnel- Projekten NEAT (Neue Eisenbahn Alpen Transversale) im Gotthard- und Lötschbergmassiv.
  • 10. Regionale oder nationale Partikularinteressen, so berechtigt sie im Einzelnen auch sein mögen, erschweren häufig die Durchsetzung sinnvoller, bereichsübergreifender Vereinbarungen im Alpenraum Bislang sind die Protokolle der Alpenkonvention immer noch nicht ratifiziert und es fehlt immer noch eine integrierte und abgestimmte Verkehrs- und Energiepolitik der Alpenländer. Selbst spezifisch "alpine" Organisationen (u.a. CIPRA, COTRAO; ARGE ALP; ALPE ADRIA, ALPENVEREIN) sind untereinander nicht optimal koordiniert. Eine besser abgestimmte Haltung alpenländischer Organisationen gegenüber ausseralpinen Entscheidungsträgern erscheint - unabhängig von nationalen und internationalen Bemühungen staatlicher Regierungsstellen - wünschenswert .
  • 11. Die Kriterien einer Standortwahl bei der Ansiedlung von Verwaltungseinheiten, Forschungs- und Entwicklungsinstituten, High-Tech-Zentren, Akademien, Kompetenzzentren und anderen Institutionen der öffentlichen oder privaten Hand bedürfen der Überprüfung. Es erscheint aus heutiger Sicht keineswegs selbstverständlich, dass die Ansiedlung solcher Einheiten nur in strukturell bevorzugten, urbanen Ballungsgebieten erfolgen muss. Auch ein Standort in kleineren städtischen Bereichen und in strukturschwachen Gemeinden kann sinnvoll sein und die betreffende Region ausserdem sozioökonomisch aufwerten. Standortentscheidungen dieser Art sollten stärker unter Bürcksichtigung solcher sozioökonomisch relevanten Gesichtspunkte getroffen werden. Zur Objektivierung einer Standortwahl kann u. U. die Berufung einer interparlamentarischen Kommission hilfreich sein.

 

  • 12. Statt einer weiteren Erschliessung der letzten alpinen Rückzugsgebiete mit Hilfe immer neuer Infrastrukturinvestitionen (Seilbahnen, Skilifte, Hotels, Strassen) stellen sozialverträgliche Initiativen sowohl für Einheimische als auch Gäste eine sozioökonomisch und soziokulturell sinnvollere, zukunftsorientierte Option dar. Beispiele hierfür sind:

Innovative Programmangebote, vor allem auch ausserhalb der reinen Winterzeit. Verstärkte Betonung der aktiven Gestaltungs- und Erholungsmöglichkeiten in allen Jahreszeiten,

Intensive, gastorientierte Dienstleistung und Betreuung z. B. im Gäste- und Gepäcktransport, in der Gastronomie und im Hotelservice,

Verstärkte Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Tourismus, z. B. Einbeziehung des Gastes in landwirtschaftliche Aktivitäten, Reitsport am Hof, Landschafts- und Kulturpflege, Gärtnerei, Kulinarisches und Kochkunst,

Künstlerisch und/oder kulturell interessante Projektvorhaben, z. B. alpenländische Musik, Literatur, Alpenmalerei, Volkstheater, Bergfilme, alpine Photographie,

Innovative Gemeinschaftsaufgaben z. B. im Bereich Natur- und Umweltschutz, Landschaftsarchitektur, Renaturierungsvorhaben, Vogelschutz, Lehrpfadgestaltung, Gewässerschutz,

Spezielle indoor- und outdoor- Kurse, Seminare, Exkursionen und geführte Wanderungen, z. B. Hochtouren, Wildbeobachtung, Ornithologie, Fischerei und Jagd, Geologie Ökologie, Fauna und Flora der Bergwelt, alpine Pilz- und Kräuterkunde, Wasser-und Tauchsport, Karst- und Höhlenforschung, Bogen-, Armbrust-, KK- Wettbewerbe, Paragliding, Segeln, alpine Filmthemen, Videotechnik- und Photographie, Brauchtum, Volkskunde, Ethnologie, Architektur und Kunsthandwerk, Förderung historisch gewachsenen Brauchtums, dafür weniger touristisch gefärbte Pseudofolklore.

  • 13. Zukunftsorientierte Möglichkeiten einer sozioökonomischen Restrukturierung im Alpenraum bieten Initiativen im Diestleistungsbereich und in speziellen Sektoren der mittelständischen Industrie, sowie im Handwerk. Dies gilt u. a. für personengebundene Dienstleistungen aller Art, beispielsweise im Beratungs-, Reperatur- und Leasingbereich, sowie im Gesundheits-, Freizeit-, Kultur und Ausbildungswesen. Im industriellen Bereich gewinnen dienstleistungsorientierte Kompetenzzentren an Bedeutung. Zukunftschancen im Handwerk hat vor allem das Kunsthandwerk.
    Beispiele für solche Optionen sind :

Regional- oder Direktvermarktung landwirtschaftlicher oder kunsthandwerklicher Produkte der Region,

Einführung umweltschonender, serviceorientierter Mobilitätskonzepte, z.B. Tälerbuskonzept,

Ausbau von speziellen Kompetenzzentren und Technologieparks im mittelständischen Bereich,

Marktnischenstrategie, Ausbau der im Alpenraum traditionell verankerten Innovationsschwerpunkte, wie Einsatz nachwachsender Rohstoffe und daraus gefertigter Spezialprodukte, Holztechnologie, Bau- und Werkstofftechnik,

ressourcenschonende Energiekonzepte, insbesondere Entwicklung und Einsatz von Solar- Heizenergie, solarer Stromgewinnung (Photovoltaik) und Bioenergie.

  • 14. Vor allem für jüngere Menschen bieten der Einstieg in zukunftsorientierte Dienstleistungsbereiche, die Wahrnehmung innovativer Marktnischen oder die Initiierung mittelständischer, technisch orientierter Projektvorhaben Chancen auf Unternehmungsgründung und Selbstständigkeit. Vielfach scheitern solche Ideen jedoch am Mangel an Eigenkapital. Erforderlich erscheint eine verbesserte Verfügbarkeit von Risikokapital (venture capital). Dieses Instrument der Innovationsförderung ist in Europa generell noch wenig entwickelt und verdient gerade auch im Alpenraum Förderung.
  • 15. Die Rolle älterer Menschen in der Gesellschaft wird häufig missverständlich bewertet, und zwar sowohl bei den betroffenen Senioren selbst, als auch in der Bevölkerung ganz allgemein. Diese Feststellung hat gerade für den Alpenraum besondere Bedeutung. Frauen und Männer über 60 sind heutzutage vielfach körperlich und geistig rüstig. Die demographische Bedeutung dieser Altersklasse steigt und umfasst bald ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Ältere Menschen verfügen über ein Erfahrungs- und Wissenspotential, dessen aktivere Vermittlung an die jüngere Generation gerade unter dem Blickwinkel des Generationenproblems zu begrüssen wäre. Ohne die Motivation und das Engagement von Männern und Frauen der älteren Generation wird die Erfüllung vieler (meist ehrenamtlicher) Aufgaben in unserer Gesellschaft zukünftig nicht mehr möglich sein. Bestrebungen, die Leistungskraft und Vitalität älterer Menschen in die Gemeinschaft zu integrieren und dieses Potential - ohne Belastung des normalen Arbeitsmarktes - zur Wahrnehmung bestimmter Aufgaben zu motivieren, sind sozial sinnvoll und verdienen nachdrückliche Unterstützung.

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