Gletscherfreie Alpen?
Konsequenzen einer Klimaänderung im Alpenraum
Vortrags- und Diskussionsveranstaltung 25. Mai 2001 in Murau, Österreich

Einführunmgsreferat

Klimaentwicklung - dramatischer als bislang angenommen

Die weltweite Klimaentwicklung gehört heute zu den brisantesten Themen überhaupt, weil letztlich alle Menschen von dieser Entwicklung betroffen sind. Sie stellt die bislang größte Herausforderung in der wissenschaftlich und politischen Zusammenarbeit dar.

Der jüngste, dreiteilige Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change IPPC, dem Wissenschaftsgremium der Vereinten Nationen für Fragen einer Klimaänderung stellt im ersten Teil seiner Dokumentation fest, dass sich das Weltklima viel dramatischer ändert als bis dahin angenommen.

Die Wissenschaftler prognostizieren jetzt global eine mittlere Temperaturerhöhung von 1, 4 bis 5,8° C bis Ende dieses Jahrhunderts. Die meisten Menschen werden dabei auf der Verliererseite dieser Entwicklung stehen, wie der IPPC - Vorsitzende hierzu feststellt.

1,7 Milliarden Menschen leben heute bereits unter Trinkwassermangel. Diese Zahl könnte in den nächsten 25 Jahren auf 5 Milliarden steigen.

Sollte der Meeresspiegel in den nächsten 80 Jahren tatsächlich zwischen 11 und 88 cm steigen, dann sind Millionen von Küsten- und Inselbewohnern in ihrer Existenz bedroht, ja ihrer Lebensgrundlage buchstäblich beraubt.

Was heißt dies für unsere Gesundheit und Sicherheit ?

Klimaforscher, Mediziner und Biologen haben sich mit den gesundheitlichen Folgen einer Klimaänderung auseinandergesetzt. Hier stehen Fragen einer Störung der Nahrungsproduktion und Frischwasserversorgung, die Folgen von Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen oder Wetterkatastrophen, erhöhte Luftverschmutzung, lufttransportierte Allergene, die Zunahme von UV-Strahlung und Photooxidantien,. sowie vor allem eine Erhöhung der Infektionskrankheiten im Vordergrund.

Klimatische Faktoren beeinflussen in starkem Masse das Wachstum und die Verbreitung von Krankheitserregern oder Krankheitsüberträgern wie etwa Zecken, Stechmücken oder Nagetiere. Die Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass mit der Möglichkeit eines Wiederauftretens der Malaria auch in Mitteleuropa gerechnet werden muss. Steigende Erkrankungsraten werden in den letzten Jahren in unseren Breitengraden sowohl bei der gefürchteten Lyme- Borreliose, als auch bei der Frühsommer - Menningoenzephalitis, der sog. "Zeckenenzephalitis", registriert. Der Anteil des Klimas auf diese Entwicklung ist allerdings noch keineswegs geklärt.

Besonders nachdenklich stimmt die Statistik jener Institutionen, die von Hause aus an sorgfältiges Rechnen gewöhnt sind, nämlich den Versicherungsgesellschaften.

Die Münchner Rück, weltweit führend bei der Dokumentation von Katastrophen, fand im Vergleich zu den 60er Jahren in den letzten 10 Jahren eine Verdreifachung des Umfangs naturbedingter Katastrophen. Der wirtschaftlicher Verlust stieg dabei von 71 Mrd. $ 1960 - 69 auf 608 Mrd. $ zwischen 1989 und 1999.

Gletscherfreie Hochgebirge?

Sichtbarstes Zeichen dieser Veränderung sind die Gletscher, und zwar nicht nur bei uns, sondern weltweit. Der von Hemingway in seinem berühmten Roman Schnee am Kilamanjaro beschriebene höchste Berg Afrikas verliert seine Gletscherkappe derart rasant, dass sie nach neuesten Messungen bereits in 15 Jahren völlig verschwunden sein wird. Bereits jetzt hat sie seit der letzten Vermessung von 1912 82 % ihres Volumens verloren.

Noch schneller schmilzt der Gletscherrücken der Anden. Quori Kalis in den peruanischen Anden hat sich allein in den letzten 3 Jahren um jährlich 508 Fuss verkürzt. Das ist 33 mal schneller als während der letzten Messungen zwischen 1963 und 1978.

Umfassende Klimapolitik gefordert.

Klimaschwankungen sind nichts Neues, es gibt sie, solange es die Erde gibt. Der heutige Umfang der Klimaänderung allerdings geht offenbar über alle berechneten Schwankungen seit der letzten Eiszeit hinaus. Es verdichten sich die Hinweise mehr und mehr, dass die derzeitige Veränderung des Klimas nicht nur natürlichen Ursprungs ist, sondern vom Menschen stark beeinflusst wird.

Die Wissenschaftler warnen seit Jahren immer und immer wieder vor den unabsehbaren Folgen dieser Entwicklung. Diese Warnungen nicht zu überhören, ist eine Aufgabe unserer Gesellschaft als Ganzes, und heute aktueller dann je zuvor.

Hierbei geht es keineswegs nur darum, im Sinne einer präventiven Klimapolitik den von uns selbst verschuldeten Anteil an dieser Entwicklung zu begrenzen. Es geht also nicht nur darum, den Ausstoß klimarelevanter Treibhausgase, wie etwa Kohlendioxid, Methan, Stickoxide, Sulfat oder fluorierte Kohlenwasserstoffe aus dem Verkehr, aus der Industrie oder aus unseren Haushalten auf ein vertretbares Maß zu mindern.

Vielmehr besteht auf ganz anderen Gebieten ein mindestens ebenso großer Handlungsbedarf!

Eine im Auftrag des US-amerikanischen Kongresses erstellte Studie hat die voraussichtlichen Konsequenzen der Klimaänderung für das Gebiet der Vereinigten Staaten untersucht. Das Ergebnis bestätigt eindrucksvoll den präventiven Handlungsbedarf, namentlich zum Schutz der Küsten und zur Sicherung der Trinkwasserversorgung. Auch in Großbritannien ist eine entsprechende Studie erarbeitet worden , deren erste Ergebnisse inzwischen veröffentlicht wurden. Auch hier spielen Überlegungen zur Sicherung des Frischwasserhaushaltes und zum Schutz vor Überschwemmungen eine dominante Rolle. Die in dieser britischen Untersuchung veranschlagten Kosten liegen allein für den Schutz vor Überschwemmungen bei jährlich 100 bis 500 Millionen Pfund Sterling.

Solche Untersuchungen sind aus unserer Sicht für den gesamten Alpenraum genau so zwingend erforderlich, damit die politischen Entscheidungsträger die technischen, wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen und den daraus sich ergebenden Handlungsbedarf besser abschätzen können.

Wir als ALPENFORUM wollen einen Beitrag dazu leisten, die öffentliche Meinung und die politischen Entscheidungsträger für die Notwendigkeit einer solchen, umfassenden Klimapolitik zu sensibilisieren.

Wo liegt der Handlungsbedarf?

Hierzu müssen präzise Fragen gestellt werden, deren Beantwortung auf Grund unseres lückenhaften Wissens oft sehr schwierig sein wird. Fast immer aber werden die ehrlichen Antworten unbequem sein.

  • Was bedeutet die Klimaänderung im Hinblick auf den Tourismus im Alpenraum, auf eine sinnvolle Tourismusstrategie und auf eine entsprechend vorausschauende Raumplanung und Infrastrukturpolitik?
  • Wie soll ein Frühwarnsystem und ein wirkungsvolles Katastrophenmanagement im Umgang mit Lawinen, Muren und Überschwemmungen aussehen? Allein in Österreich werden über eine Billion Schilling jährlich für die Wildbach- und Lawinenschutzverbauung ausgegeben. Aber nicht wenige Fachleute fragen sich, ob die jährlich hierzu erstellte Kosten-Nutzen Bilanz tatsächlich das Resultat einer erfolgreichen Präventionspolitik darstellt.
  • Welchen Einfluss haben steigende Temperaturen auf die alpine Fauna und Flora , die Bodenstruktur, die Land- und Forstwirtschaft?
  • Welche gesundheitspolitischen Maßnahmen sind erforderlich, um klimabedingten Gefährdungen zu begrenzen?

Die aus meiner Sicht allerdings entscheidende Frage lautet: Was bedeutet die Klimaentwicklung für den alpinen und europäischen Wasserhaushalt?

Diese Frage haben wir im ALPENFORUM bereits 1998 in unserem Symposium "Wasser; Flüssiges Gold der Alpen" angeschnitten. Es geht, meine Damen und Herren, um die enorme Menge von 200 Milliarden Kubikmeter Frischwasser jährlich aus unseren alpinen Gletschern, die mit Abstand bedeutendste Trinkwasserreserve Zentraleuropas.

Sind wir machtlos?

Abschließend möchte ich feststellen, dass die bestehenden Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Klimaentwicklung kein Grund zu Resignation sind. Fehlendes Wissen darf nicht mit fehlendem Handlungsspielraum verwechselt werden!

Ein ermutigendes Beispiel für ein konstruktives Vorgehen ist "Climate Facts", eine von der Schweizer Regierung geförderte Informationsplattform Klimawandel in der Schweiz.

In 15 Teilprojekten arbeiten Fachleute aus den Naturwissenschaften, der Ökonomie und der Sozial- und Politikwissenschaften an der Überprüfung und Beantwortung möglicher Folgen des Klimawandels. Der Bürger wird über die einzelnen Ergebnisse ausführlich informiert und kann seine eigenen Überlegungen und Entscheidungen entsprechend besser einordnen.

Unser Handeln wird keineswegs nur im luftleeren Raum anonymer Entscheidungsträger bestimmt.

Vielmehr beginnt der Handlungsspielraum umgekehrt auch beim Einzelnen, in der Gemeinde, im Bezirk, im Land. Das Ergebnis ist letztlich die öffentliche Meinung, und diese hat unbestritten Einfluss.

Anschrift des Verfassers:

Ian C. Meerkamp van Embden
ALPENFORUM

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