Klimaschock oder "business as usual"?

Das Jahr 2003 sprengt klimatisch alle Erfahrungen. Die in den Sommermonaten registrierten Temperaturen und eine extreme Trockenheit in unseren Breitengraden erinnern an Messwerte in der afrikanischen Sahara. Riesige Waldbrände in weiten Teilen Südeuropas, aber ebenso in Kanada oder USA, führen zu enormen Waldverlusten, zerstören das Hab und Gut der Anwohner, fordern Menschenleben und vernichten Tierbestände.

In Mittelfranken, Nordbayern und Süddeutschland überschritt das Thermometer zeitweise die 40° Marke und erreichte in Perl-Nennig im Saarland (1) einen neuen, gesamtdeutschen Hitzerekord von 40,8° C. Die Nachttemperaturen vor allem am Rhein und in den Mittelgebirgen stiegen bis zu 26,7° C auf tropische Werte.

Die Nullgrad-Grenze verlief zeitweise auf über 4000 m ü. M.; die darunter liegenden Alpengletscher schmelzen in erschreckendem Tempo: Die Eisdicke verliert in dieser heißen Wetterlage nach Angaben des Salzburger Glaziologen Heinz Slupetzky durchschnittlich 8 cm täglich (3). Das Mittelmeer erreichte an der spanischen Ostküste Wasserwerte bis 29°C, rund 5° über Norm. Der Rhein führte bei Worms nur noch einen Meter Wasserstand (2). Am Oberrhein musste die Schifffahrt gänzlich eingestellt werden.

In den Bergregionen führt die Trockenheit regional zu ernsten Wasser-Versorgungsengpässen. So mussten beispielsweise in der Nordsteiermark in verschiedenen Bergdörfern rigorose Wassersparmaßnahmen eingeführt werden; vereinzelt sind in Berggehöften Quellen bereits gänzlich versiegt, die seit Menschengedenken zuverlässig Trinkwasser lieferten.

Umgekehrt beobachten wir die zunehmende Tendenz zu kurzzeitigen, aber massiven Starkniederschlägen. Nicht die Wassermengen nehmen zu, sondern deren Wirkung. Die Folgen sind die in jüngerer Zeit immer häufiger beobachteten, verheerenden Überschwemmungen und Hochwasserschäden.

Die Klimaänderung hinterlässt immer deutlichere Spuren in der Pflanzen- und Tierwelt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der biologische Frühling beispielsweise in der Schweiz heute rund 12 Tage früher als vor 50 Jahren einsetzt (4 und 5). Die südliche Heidelibelle, ein gelegentlicher Überflieger der Alpen aus dem mediterranen Raum, konnte sich inzwischen auch nördlich der Alpen ansiedeln, so etwa am Ober-Ende des Sarner-Sees im Schweizerischen Kanton Obwalden (6). Die Verbreitungsgebiete zahlreicher Tier- und Pflanzenarten verschieben sich um ca. 6 km pro Jahrzehnt polwärts (3 und 5). Gleichzeitig steigt durch die verstärkte Ausbreitung zahlreicher Insektenarten und anderer Krankheitsüberträger das Risiko bestimmter Infektionskrankheiten. Ein Beispiel hierfür ist die tückische, Frühsommermeningoenzephalitis (Zeckenenzephalitis) FSME. Ihr Überträger, die Zecke, kommt gerade im Alpenraum häufig vor.

Wie im dritten Klimabericht des International Panel on Climate Change IPPC bereits prognostiziert, führt der weltweite Temperaturanstieg auch zu einer erhöhten Sterblichkeit vor allem älterer menschen . Die Mortalitätsrate soll im Sommer 2003 nach französischen Meldungen 20 % über dem normalen Durchschnitt liegen.

Alle diese Alarmsignale haben bislang nichts daran ändern können, dass allenthalben "Business as usual" die vorherrschende Haltung darstellt. Offenbar völlig unbekümmert erklären bestimmte Klima-"Spezialisten" die weltweiten Warnungen der Scientific Community als entweder "völlig überzogen" oder gar als Ausdruck des Versuchs, "durch negative Berichterstattung Fördergelder für weitere Klimaforschungen zu akquirieren". Diese Protagonisten einer klimatischen Vogel-Strauß-Politik spielen damit in unverantwortlicher Weise jenen Entscheidungsträgern in die Hände, die bestehende Unsicherheiten hinsichtlich Art, Umfang und Zeitraum der weiteren Klimaentwicklung zum Anlass und als Entschuldigung eines Nicht-Handelns nehmen wollen. Die fehlende, weltweite Implementierung des Kyoto- Abkommens ist hierfür ein trauriges Beispiel.

Seit Jahren fordert das ALPENFORUM im Interesse einer vernünftigen Klima- Präventionspolitik

  • eine integrierte Überprüfung der europäischen Wasserhaushaltsentwicklung als Folge der massiven Gletscherverluste im Alpenraum
  • eine Abklärung gesundheitspolitischer Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf das steigende Risiko bestimmter Infektionskrankheiten
  • eine verstärkte Nutzung des einheimischen Holzes als CO2-neutrale Heizenergiequelle vor allem in Bergregionen
  • eine gesamtalpine Bestandsaufnahme regionaler Gefahrenzonen im Hinblick auf steigende Risiken durch Erd- oder Felsrutschungen, Muren oder Lawinen sowie durch Abschmelzen des Permafrost
  • sowie ein flächendeckendes Monitoring der Starkniederschläge und ihrer Folgen

Ansatzweise werden Fragen dieser Art in unterschiedlichen Institutionen behandelt. Es fehlt aber ein europäisch abgestimmter und vernetzter Gesamtrahmen für diese Untersuchungen. Je besser die Zielvorgaben koordiniert und die Projekte umgesetzt werden können, desto eher schaffen wir sinnvolle Optionen zur Abfederung unerwünschter Klimaentwicklungen.

Weitere Informationen:
Ian C. Meerkamp van Embden
ALPENFORUM International
E-Mail:
ALPENFORUM.org

Quellen:
(1) T-Online Wetter Portal 12.08.2003
(2) T-Online Karriere und Wissen/Wissen 06.08.2003
(3) Gerhard Schwischer "Fiebermesser des Klimas", Salzburger Nachrichten 09.08.2003
(4) www.proclim.ch/Press/PDF/ClimatePress16 D.pdf; proclim flash N°27, Seite 4, Juli 2003
(5) Climate-Press N° 16, Juni 2003-08-12
(6) René Hoess, Entomologischer Verein Bern, in "Umwelt", Amt für Umwelt, Wald und Landschaft BUWAL 2/03, Seite 5