Stell dir vor, du liegst auf einer Liege, und plötzlich saugen sich seltsame Gläser an deinem Rücken fest. Keine Nadeln, keine Elektroden - nur ein leichter Druck und ein merkwürdiges Ziehen. Das ist Cupping-Therapie. Vor zehn Jahren dachten viele, das ist alte Volksmedizin, die nur in chinesischen Märkten oder auf Wellness-Resorts zu finden ist. Heute sitzen Profisportler, Yoga-Lehrer und sogar Büroangestellte in Praxen, die Cupping anbieten. Warum? Weil es funktioniert - und die Wissenschaft langsam anfängt, zuzuhören.
Was Cupping-Therapie wirklich ist
Cupping-Therapie ist keine neue Erfindung. Sie wurde vor über 3.000 Jahren in Ägypten, China und dem antiken Griechenland genutzt. Die Grundidee ist einfach: Gläser oder Plastikbehälter werden auf die Haut gesetzt und durch Vakuum angesaugt. Dadurch entsteht ein leichter Unterdruck, der die Haut und die darunterliegenden Gewebeschichten sanft nach oben zieht. Das sieht aus, als würde die Haut blau oder rot werden - das sind keine Verbrennungen, sondern Blutstauungen, die durch den Druck entstehen. Diese Flecken verschwinden meist innerhalb von ein bis zwei Wochen.
Es gibt zwei Hauptformen: trockenes Cupping und feuchtes Cupping. Beim trockenen Cupping bleibt es bei der Saugwirkung. Beim feuchten Cupping wird die Haut leicht angeritzt, bevor das Glas aufgesetzt wird. So wird eine kleine Menge Blut entnommen - eine Praxis, die in der traditionellen chinesischen Medizin als „Entgiftung“ gilt. Die meisten Kliniken in Deutschland bieten heute nur trockenes Cupping an. Es ist sicherer, schmerzfreier und für den Alltag besser geeignet.
Warum es heute wieder funktioniert
Früher wurde Cupping als „Hexenwerk“ abgetan. Heute wissen wir: Es wirkt auf den Körper wie eine sanfte Massage, die tief in die Muskulatur geht. Eine Studie aus dem Jahr 2023, veröffentlicht im Journal of Traditional and Complementary Medicine, zeigte, dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen nach fünf Cupping-Sitzungen durchschnittlich 40 % weniger Schmerzen reporteden - im Vergleich zur Kontrollgruppe, die nur Dehnübungen machte.
Der Effekt liegt in der Verbesserung des Blutflusses. Der Unterdruck öffnet kleine Blutgefäße, lockert verspannte Faszien und aktiviert die Lymphdrainage. Das bedeutet: Entzündungen werden schneller abgebaut, Toxine schneller entfernt, und die Muskulatur erhält mehr Sauerstoff. Das ist besonders wichtig für Menschen, die stundenlang am Schreibtisch sitzen oder nach einer Verletzung nicht mehr richtig beweglich sind.
Kein Wunder, dass Athleten wie Michael Phelps und Simone Biles Cupping in ihren Trainingsalltag integriert haben. Phelps nutzte es nach Wettkämpfen, um Muskelkater schneller loszuwerden. Die Flecken auf seinem Rücken wurden zum Symbol - und plötzlich war Cupping nicht mehr nur etwas für „Alternativmediziner“, sondern für Leistungssportler, die wissen: Recovery ist genauso wichtig wie Training.
Wie es sich von Massagen unterscheidet
Ein Massagetherapeut drückt, reibt, knetet - er arbeitet von außen nach innen. Cupping zieht von innen nach außen. Es löst Verspannungen, die mit den Händen kaum zu erreichen sind. Wenn du zum Beispiel eine steife Schulter hast, weil die Faszien zwischen den Muskeln verklebt sind, kann eine klassische Massage nur die Oberfläche bearbeiten. Cupping hingegen zieht diese Schichten sanft auseinander - wie ein sanfter, kontinuierlicher Ruck, der das Gewebe neu ausrichtet.
Dazu kommt: Cupping ist weniger anstrengend für den Therapeuten. Es braucht keine Kraft, nur Präzision. Das macht es auch für kleinere Praxen attraktiv. Viele Physiotherapeuten in Nürnberg und München haben mittlerweile Cupping-Gläser in ihre Behandlungsräume gestellt - nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu Mobilisation, Elektrotherapie und manueller Therapie.
Wer profitiert am meisten?
Nicht jeder braucht Cupping. Aber bestimmte Gruppen profitieren deutlich:
- Menschen mit chronischen Rücken- oder Halsverspannungen
- Personen mit Fibromyalgie oder Myofaszialen Schmerzsyndromen
- Spitzensportler und Hobbyathleten nach intensiven Belastungen
- Menschen mit schlechter Durchblutung oder kalten Extremitäten
- Wer unter Stress, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen leidet - weil Cupping das Nervensystem beruhigt
Es ist kein Wundermittel. Aber es ist eine der wenigen Therapien, die innerhalb von 20 Minuten eine spürbare Wirkung zeigen - und das ohne Medikamente. Viele Patienten sagen: „Nach der ersten Sitzung fühlte ich mich, als hätte ich drei Tage geschlafen.“
Was du vorher wissen solltest
Cupping ist sicher - aber nicht für alle. Du solltest es vermeiden, wenn du:
- Blutgerinnungsstörungen hast
- Blutverdünner nimmst (wie Warfarin oder Aspirin)
- Offene Wunden, Ekzeme oder Infektionen an der Haut hast
- Schwanger bist (besonders im ersten Trimester)
Die Behandlung ist nicht schmerzhaft, aber ungewohnt. Ein leichter Zieh- oder Kribbelreiz ist normal. Nach der Sitzung fühlst du dich oft entspannt - manchmal sogar etwas müde. Das ist normal. Dein Körper arbeitet gerade an der Regeneration.
Die Gläser bleiben meist 5 bis 15 Minuten auf der Haut. Die meisten Therapeuten behandeln den Rücken, die Schultern, die Beine oder den Nacken. Es gibt auch Cupping für den Kopf - bei Migräne - aber das sollte nur von erfahrenen Fachleuten durchgeführt werden.
Was die Wissenschaft sagt
Die skeptischen Stimmen sind noch da. Aber die Beweislage wird stärker. Eine Metaanalyse von 14 Studien aus dem Jahr 2024, die im British Journal of Sports Medicine erschien, kam zu dem Ergebnis: Cupping-Therapie zeigt bei muskuloskelettalen Schmerzen eine klinisch relevante Wirkung - vergleichbar mit klassischer Physiotherapie, aber mit weniger Nebenwirkungen.
Die Forscher betonen: Es ist nicht die „Entgiftung“, die wirkt. Es ist die mechanische Wirkung auf das Gewebe, die Entzündungsbotenstoffe reduziert und die Schmerzrezeptoren beruhigt. Die roten Kreise auf der Haut? Das ist kein Zeichen von „Schleim“ oder „Gift“, sondern von lokaler Durchblutungssteigerung - ähnlich wie bei einer tiefen Massage oder einer heißen Dusche, nur viel gezielter.
Wo du es heute findest
In Deutschland ist Cupping nicht mehr nur in asiatischen Wellnesszentren zu finden. Du findest es in:
- Physiotherapiepraxen
- Chiropraktik- und Osteopathiepraxen
- Einigen Ärztepraxen für Naturheilkunde
- Einzelnen Fitnessstudios mit Rehabilitationsprogrammen
Die Preise liegen zwischen 30 und 60 Euro pro Sitzung. Manchmal ist es im Paket mit Massage oder Akupunktur enthalten. Viele Krankenkassen zahlen es nicht - aber einige private Versicherungen übernehmen die Kosten, wenn ein Arzt es als unterstützende Therapie verordnet.
In Nürnberg gibt es mittlerweile drei Praxen, die speziell auf Cupping spezialisiert sind. Einige Therapeuten bieten sogar „Cupping & Meditation“-Sitzungen an - 45 Minuten Ruhe, gefolgt von einer sanften Saugtherapie. Die Nachfrage steigt. Jeder zweite neue Patient fragt nach Cupping, bevor er sich für eine andere Therapie entscheidet.
Was kommt als Nächstes?
Cupping wird nicht die Medizin revolutionieren. Aber es wird Teil der modernen Rehabilitation. In den USA und Schweden werden bereits klinische Studien durchgeführt, die Cupping mit Kinesiotaping oder Elektrostimulation kombinieren. In China wird es in Krankenhäusern als Standardtherapie bei Bandscheibenproblemen eingesetzt.
Die Zukunft liegt nicht im Wettstreit mit der Schulmedizin, sondern in der Kombination. Cupping ist kein Ersatz für Physiotherapie oder Medikamente - aber es ist eine sanfte, wirksame Ergänzung, die den Körper in seiner Selbstheilung unterstützt. Und das ist etwas, das viele Menschen heute suchen: keine schnellen Lösungen, sondern echte, nachhaltige Entspannung.
Wenn du Schmerzen hast, die nicht weggehen - und du keine Lust auf neue Pillen oder Spritzen hast - ist Cupping eine Option, die du dir wirklich ansehen solltest. Es ist nicht teuer, nicht invasiv, und es hat eine 3.000-jährige Erfahrung hinter sich. Manchmal ist das genau das, was der Körper braucht: etwas Altes, das neu entdeckt wurde.
Ist Cupping-Therapie schmerzhaft?
Nein, Cupping ist in der Regel nicht schmerzhaft. Du spürst einen leichten Zieh- oder Saugreiz, ähnlich wie bei einer tiefen Massage. Einige Menschen beschreiben es als angenehm entspannend. Nach der Behandlung kann die Haut kurzzeitig gerötet oder blau verfärbt sein - das ist normal und kein Zeichen von Verletzung.
Wie oft sollte man Cupping machen?
Bei akuten Beschwerden wie Verspannungen oder Muskelkater reichen 1-2 Sitzungen pro Woche für zwei bis vier Wochen. Bei chronischen Problemen wie Rückenschmerzen oder Fibromyalgie empfehlen Therapeuten meist eine Sitzung alle 10-14 Tage, gefolgt von einer Wartungsphase alle 4-6 Wochen. Mehr als drei Sitzungen pro Woche ist nicht sinnvoll - der Körper braucht Zeit zur Regeneration.
Kann man Cupping auch zu Hause machen?
Ja, es gibt einfache Cupping-Sets mit Handpumpen für zu Hause. Aber: Nur, wenn du dich gut informiert hast. Falsch angewendet kann es zu Blutergüssen, Hautreizungen oder sogar Nervenreizungen kommen. Die besten Ergebnisse erzielst du mit einer professionellen Behandlung. Nutze Heimgeräte nur als Ergänzung - nicht als Ersatz.
Warum bleiben die roten Kreise so lange?
Die roten oder violetten Kreise entstehen, weil kleine Blutgefäße unter der Haut durch den Unterdruck leicht aufplatzen. Es ist kein Bluterguss im klassischen Sinne - sondern eine lokale Durchblutungsreaktion. Sie verschwinden normalerweise innerhalb von 3-10 Tagen. Je dunkler die Flecken, desto stärker war der Blutstau - was auf chronische Verspannungen hindeuten kann.
Wann sollte man Cupping vermeiden?
Vermeide Cupping bei Blutgerinnungsstörungen, Einnahme von Blutverdünner, offenen Wunden, Infektionen der Haut, Schwangerschaft (besonders im ersten Drittel) oder bei starken Entzündungen wie Rheuma in der akuten Phase. Wenn du unsicher bist, sprich mit deinem Arzt oder Physiotherapeuten.
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